[BLICK AUF] Hyperlokaler Bratwurstjournalismus

In Zeiten, in denen die Art der Berichterstattung der letzten Jahrzehnte offensichtlich bei weitem überholt scheint und Open Data sowie neue Formen des Journalismus öffentlich diskutiert werden ist der Ruf nach neuer, verstärkter Bindung der Leser an die Zeitung immer lauter geworden. Eine Möglichkeit ist der hyperlokale Journalismus.

Dass der Lokaljournalismus die größte Identifikation der Zeitung mit der Kommune schafft, steht bei den meisten Journalisten außer Frage. Menschen identifizieren und interessieren sich am stärksten mit der eigenen Nachbarschaft, der Umgebung, mit Dingen und Geschehnissen von denen sie unmittelbar betroffen sind und welche sie beeinflussen können.

Vor allem aber in Großstädten, in denen man sich noch tiefgründiger mit dem Viertel oder der Straße vor dem Haus identifiziert, als mit der gesamten Stadt können gedruckte Zeitungen nicht mehr alle relevanten Geschehnisse erfassen. Und der Lokaljournalismus der erbracht wird, ist in weiten Teilen nicht mehr als „Bratwurstjournalismus“, wie Hardy Prothmann, ein Journalist und Blogger aus dem Rhein-Neckar-Gebiet, es einmal formulierte. Fest steht: Der Lokaljournalismus muss sich verändern. Im folgenden beschränke ich meinen Blick auf den hyperlokalen Journalismus durch Zeitungen – und nicht durch unabhängige Blogger wie Hardy Prothmann.

Die Amerikaner, aber auch viele Deutsche nennen das Wesen eines neuen, intensiveren Lokaljournalismus „hyperlokal“. Es finden sich aber auch diverse andere Bezeichnungen mit ähnlicher Bedeutung, etwa „mikrolokal“ oder auch „sublokal“.

Zusammengesetzt aus verschiedenen Quellen möchte ich einmal die Merkmale dieses – im folgenden Text als „hyperlokal“ bezeichneten – Journalismus aufzählen:

    - hyperlokaler Journalismus fokussiert sich auf den lokalen Nutzwert auf Stadt(-teil-)ebene
    - hyperlokaler Journalismus bindet Bürger aktiv als Quelle und Beobachter ein.
    - hyperlokaler Journalismus verortet Informationen und Artikel online
    - hyperlokaler Journalismus eröffnet neue Finanzierungsmöglichkeiten durch lokal verortete Anzeigen
    - hyperlokaler Journalismus sammelt Informationen zu einem Ort und macht sie permanent abrufbar
    - hyperlokaler Journalismus bereitet lokale offene Daten (Open Data) für die Leser auf

Jetzt stellt sich die Frage nach dem Mehrwert dieser neuen Form der lokalen Berichterstattung. Ob hyperlokaler Journalismus tatsächlich die Identifikation der Leser mit ihrem Viertel und damit eine neue, eventuell sogar festere Bindung an die Zeitung darstellt, bleibt abzuwarten. Wenn die Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohn- und Lebensraum durch hyperlokalen Journalismus gefördert wird, ist das ganz sicher ein Mehrwert im Gegensatz zum „klassischen“ Lokaljournalismus, denn dieser legt den Lesern “nur” ausgewählte Informationen in die Hand, diskutiert sie aber kaum. Durch die aktive Einbindung der Bürger als Beobachter ihres Viertels und Blogger, wie es das „Hamburger Abendblatt“ macht, können weitere Perspektiven auf viel mehr Geschehnisse eröffnet und Diskussionen (um die neue Umgehungsstraße, den Verkehrspoller am Bachweg, etc.) angestoßen werden. Der „klassische“ Lokaljournalismus im Print leistet dies bisher nicht und kann dies auch nicht leisten. Somit wird deutlich: hyperlokaler Journalismus ist beinahe nur im und durch das Internet überhaupt möglich.

Natürlich bietet hyperlokaler Journalismus auch wirtschaftliche Vorteile. Durch einen Artikel des Stadtteilbloggers über die örtliche Metzgerei finanziert diese gerne Anzeigen auf dem Blog, weil deren direkte Kundschaft sich nun dort informiert. Und wer mit dem Smartphone durch die Stadt geht, kann leichter Informationen über den Ort erhalten an dem er sich gerade aufhält (Geschäfte, etc).

Das „Hamburger Abendblatt“ und ihr Stadtteilblogger-Netzwerk „Mein Quartier“ habe ich bereits erwähnt. Auch die “New York Times” bindet Bürger bereits seit 2009 durch ihr Pilot-Projekt “The Local” in die lokale Berichterstattung mit ein. Dabei wurde die “New York Times” vom Institut für Journalismus der Universität New York unterstützt.

Nun kann hyperlokaler Journalismus allerdings auch auf die Blogsphäre ausgeweitet werden. Eigenständige Blogger, die sich ihres Viertels annehmen, leisten einen wichtigen und großen Anteil bei der Informierung der Bürger – unabhängig von der Lokalzeitung. Blogger waren die Pioniere der hyperlokalen Berichterstattung und bewegten den schwerfälligen Apparat großer Zeitungen dazu, sich diesem neuen Journalismus anzunehmen, sein Potenzial zu entdecken und sich auf die Blogger einzulassen. Denn wie das Beispiel Hamburg zeigt: Zeitungen können keinen hyperlokalen Journalismus ohne Blogger betreiben. Weil lokale Blogs aber eine eigene Geschichte sind, sei hier auf die Beiträge der Journalisten Detlev Brechtl, Mark Heywinkel und Lorenz Matzat hingewiesen. (gro)

Bild: yjv via Flickr

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>